Hat es sich bald ausgebrummt?

Es war eine der großen Schlagzeilen im Jahr 2017:  Unsere Insekten sterben aus!

27 Jahre lang haben Wissenschaftler Schutzgebiete untersucht, das Ergebnis ist ein eindeutiger Rückgang der Biomasse von Fluginsekten von 76 Prozent. Die Studie, die von dem renommierten Wissenschaftsjournal PLOS ONE veröffentlicht wurde, bestätigt somit das Insektensterben in Deutschland. Dies führte zu einer breiten Diskussion des Themas in Politik und Öffentlichkeit. Die Frage ist nicht mehr, ob die Insekten Hilfe brauchen, sondern wie man ihr Aussterben noch verhindern kann. Doch wie konnte es überhaupt soweit kommen?

Ein Interview mit Prof. Dr. Johannes Steidle, Leiter des Fachgebiets Tierökologie am Instituts für Zoologie der Universität Hohenheim.

Wie bewerten Sie die Situation, ist die Lage der Insekten wirklich so dramatisch, denn es gibt ja auch Stimmen, die das bestreiten? 

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Prof. Dr. Steidle:  Also die Tatsache, dass die Zahl der Insekten zurückgehen ist altbekannt, das weiß man schon seit Jahrzehnten. Was neu ist, ist die Tatsache, dass es nicht nur einen Artenrückgang gibt, sondern auch einen Rückgang der Individuenzahl, ausgedrückt in der Biomasse. Biomasse bedeutet einfach wie viel Kilogramm Insekten in der Gegend rumfliegen oder krabbeln. Und die neue Studie aus Nordrhein-Westfalen zeigt diesen Abwärtstrend ganz offensichtlich. Wenn man sich die Grafik aus dieser Studie anschaut kann man Statistik machen soviel man will, das Ergebnis ist schockierend.

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Originaldaten der Insektenbiomasse (g/d = Gramm pro Tag) über alle Fallen und Fänge im Jahresverlauf – Die Farbvariationen geben das Jahr an und reichen von 1990 (blau) bis 2016 (orange). Die gestrichelten Linien zeigen jeweils einen ungefähren Mittelwert der blauen und der orangenen Punkte. Ein Abwärtstrend von circa 80 Prozent wird ersichtlich. Grafik: Hallmann, C.A., Sorg, M., Jongejans, E. et al. 2017

Warum hat sich die Biomasse der Insekten gerade in den letzten 27 Jahren so drastisch verringert?

Prof. Dr. Steidle: Das liegt überwiegend an dem Verlust der Strukturvielfalt in der Landwirtschaft in den letzten 30 Jahren. Das bedeutet konkret, dass es keine Ackerrandstreifen mehr gibt, die Äcker gehen heute direkt ineinander über oder bis zum Rand der Straßen. Somit fallen Bereiche wie Hecken, kleine Teiche oder Wäldchen als Lebensraum für Insekten weg. Besonders extrem ist das im Osten von Deutschland, dort sieht man riesige Ebenen, wo nichts ist außer Acker.

Also ist es die Schuld der Landwirtschaft?

Prof. Dr. Steidle: 52 Prozent der deutschen Fläche ist landwirtschaftliche Nutzfläche, 31 Prozent ist Waldfläche und der Rest sind Gärten, Wohngebiete etc. Wenn wir nach einem Faktor suchen, der wirklich massiven Einfluss auf die Artenvielfalt hat, dann ist es unwahrscheinlich, dass es eine Landnutzung ist die in Deutschland nur zu einem geringen Prozentsatz stattfindet, sondern dann müssen wir auf die großen Flächen blicken.

Wieso können die Insekten auf diesen großen Äckern nicht überleben? Auf den Feldern wachsen doch auch Pflanzen?

Prof. Dr. Steidle: Auf den Äckern wachsen aufgrund des Einsatzes von Glyphosat keine Pflanzen, außer die vom Landwirt gewünschte Nutzpflanze. Die bringt den meisten Insekten gar nichts. In der Regel haben Insekten eine bestimmte Fresspflanze und der Rest ist für sie als Lebensraum und als Nahrung völlig wertlos. Für die Insekten gibt es quasi ein tödliches Trio: Verlust der Strukturvielfalt, Pestizide und Überdüngung.

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Links: Keine Düngung, Mahd zweimal pro Jahr Rechts: Düngung und Mahd mehrfach pro Jahr Die Folge: Vergrasung der Landschaft und weniger Nahrung und Lebensräume für die Insekten. Fotos: Steidle
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Typische Ackerlandschaft in Deutschland, die den Verlust der Strukturvielfalt deutlich macht. Foto: CC BY 2.0

Was ist mit anderen Faktoren, wie beispielsweise dem Klimawandel? 

Prof. Dr. Steidle: Es gibt zwar eine Reihe von weiteren Einflussfaktoren in der aktuellen Studie, aber keiner dieser Faktoren kann den massiven Abfall erklären. Wenn ich den Klimawandel als Faktor habe, dann würde ich erwarten, dass Wärmeliebende Arten zunehmen. Aber genau das Gegenteil ist der Fall, wir haben bei verschiedenen Studien aus der Oberpfalz und Oberfranken eine deutliche Abnahme von diesen Arten. Und auch bei einer Studie zu Mörtelbienen im Nördlinger Ries von 2016 kam raus, dass ihr Vorkommen steil abnimmt. Obwohl das eine Art ist die im Mittelmeerraum ganz häufig ist, das heißt eigentlich findet sie das gut wenn es warm ist. Also ich glaube nicht daran, dass es am Klimawandel liegt.

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